Sondernbericht: Höchleistung bei Tiefsttemperaturen
Februar ist wahrscheinlich nicht die beste Jahreszeit, um Finnland zu besuchen. Es ist bitterkalt (so um -20 °C), obwohl dieser Winter laut finnischer Einschätzung als recht mild anzusehen ist. Überall liegt Schnee und die Sonne steht niedrig am Himmel, als wir die endlosen Wälder in Richtung russische Grenze durchqueren. Zwar gewähren die Winterreifen unseres Autos sicheren Griff, dennoch begrenzen wir auf Grund des eisigen Wetters unsere Geschwindigkeit. Außerdem sind die Bußgelder für Geschwindigkeitsübertretungen hier an das Einkommen gekoppelt - die höchste Strafe bis jetzt belief sich auf 100.000 Euro für einen beneidenswert reichen Sünder.
Das Land mit seinen 188.000 Seen ist atemberaubend schön und nur sehr dünn besiedelt. Es gibt gerade mal 5,2 Millionen Einwohner, umgerechnet 17 Einwohner/km². Darüber hinaus leben 79% der Finnen in Städten, davon allein eine Million in Helsinki und Umgebung. 68% des Landes sind mit Wald bedeckt. Aber ein großer Holzvorrat ist ja bestimmt nötig, wenn man an die beinahe 2 Millionen Saunas im Land denkt.
Wir sind unterwegs, um Veli Mantsinen zu besuchen, einen Mann, der sich mit Holz wirklich auskennt. Er begann seine Karriere mit 11 Jahren in der Forstwirtschaft, als Bäume noch mit der Spannsäge gefällt und mühsam per Haken abtransportiert wurden. Die von ihm gegründete Firma für Güterumschlagstechnik und Verlademaschinen ist Beweis für seinen Erfolgsdrang.
Die Mantsinen-Gruppe ist ein Familienbetrieb mit Sitz in Liperi, Ostfinnland. Sie wurde 1974 gegründet und beschäftigt heute 300 Mitarbeiter. Hauptgeschäft ist die Herstellung von Hafenkränen und Verlademaschinen, die für Holzabfuhr und -verschiffung, in Häfen und Industrie eingesetzt werden. Alles was mit dem Laden oder Löschen von Schiffen zu tun hat, ist für Veli Mantsinen von Interesse - egal, ob es sich bei der Ladung um Salz, Ton, Kohle, Sand, Düngemittel, Holz, Kies oder Schrottmetall handelt. Zum Beispiel verlädt sein Unternehmen ca. 30.000.000 m3 Rundholz pro Jahr. Das sind über 1.000 Lkw-Ladungen pro Tag!
Veli ist Jahrgang 1938, und verdiente wie viele Jungs, die hier auf dem Land aufwachsen, sein erstes Geld mit Bäumefällen. Schon immer ein unternehmerisches Talent, schuf er sich einen Zusatzverdienst, in dem er die Zapfen der von ihm gefällten Bäume nebenher verkaufte. Er besuchte eine Landwirtschaftsschule, setzte jedoch mit seinem Bruder zusammen die Forstarbeit fort, bis ihr Vater ihnen die elterliche Landwirtschaft übergab. Sie waren nur widerwillig zur Übernahme bereit, da das Holzgeschäft viel mehr versprach. Nach wenigen Jahren beschlossen sie daher, den Viehbestand zu veräußern und mit Traktoren in das Holzabfuhrgeschäft einzusteigen. 1974 geriet Veli mit seinem damaligen Unternehmer in ernsten Streit über die Bezahlung und beschloss aus Wut, seine Dienste einer Konkurrenzfirma anzubieten. Nur ein Vertrag war zu vergeben: Entladen von Holz aus Eisenbahnwaggons bei einer Zellstofffabrik. Eine ermüdende Arbeit, die niemand wollte. Veli kam jedoch auf die Idee, einen Bagger zum Entladen der Stämme zu verwenden.
"Zuerst kauften wir marktübliche Ladeausrüstung. Doch die Ausleger und Holzgreifer gingen alle zwei Monate kaputt, weshalb mein Bruder und ich beschlossen, die Arbeitsgeräte selber zu bauen." Jukka Hamalainen, Verkaufsleiter bei Mantsinen erklärte wie und warum die Firma beschloss, Hitachi-Maschinen für den Materialumschlag umzurüsten: "Hitachi wurde aufgrund der Verschleißfestigkeit und Zuverlässigkeit gewählt. Zwar war dies nicht die billigste Option, doch sie garantierte die beste Amortisierung. Außerdem befand sich in unserer Region ein guter Hitachi-Händler. Wir schlossen einen Kaufvertrag für Oberwagen ab und die ersten Maschinen wurden produziert. Im Jahr 2000 folgte dann ein Vertriebsvertrag mit Hitachi-Händlern für unsere Maschinen."
Wir waren zum richtigen Zeitpunkt gekommen, um die Maschinen in Betrieb zu sehen. Unser erster Stopp war der Hafen von Kantvik im südwestlichen Umland von Helsinki, wo ein Mantsinen 140 Mobilkran als Hafenkran in Aktion war. Der Kranführer thronte in einer Hub- und Verschubkabine hoch über den Ketten und löschte mit einem 2-Schalengreifer eine Schute, die mit Leinsamen aus den Niederlanden beladen war.
Zwei Lkws transportieren etwa 100 t Leinsamen pro Stunde zu einer örtlichen Fabrik. Der Mantsinen 140 könnte jedoch bis zu 400 to pro Stunde verladen. Bei einer Ladung von 2.350 t würde das Löschen der Schute somit gerade 16 Stunden dauern. Der 140 basiert auf dem Hitachi EX1200. Oberwagen und Kabine werden von Hitachi geliefert, während Unterwagen und Ketten sowie Langausleger und Kabinenhub im Mantsinen-Werk in Finnland hergestellt werden. Der Kran verlädt nicht nur Leinsamen: In der Nähe ragt ein Schrotthaufen in den Himmel (er geht für 50 $ pro Tonne nach Korea und wird dann in Form von fabrikneuen Autos wieder nach Europa zurückkehren). Dahinter warten 150.000 t Kohle zum Betreiben von Elektrizitätswerken. Es schaut also nicht so aus, als ob der Mantsinen 140 lange still steht.
Die Vorteile dieser neuen Verladetechnologie sind deutlich zu sehen. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Hafenkran bietet der Mantsinen mit weniger Personalaufwand und Hilfsausrüstung eine höhere Umschlagsleistung. Das bedeutet für Schiffe kürzere Liegezeiten im Hafen. Außerdem läuft die Maschine nicht auf Schienen, wodurch sie mehr Mobilität und Flexibilität bietet. Weniger empfindlich gegen Starkwind, kann sie auch bei Wind und Wetter Verladearbeiten verrichten. Mantsinen produziert etwa 30 Maschinen dieses Typs pro Jahr, die nach Russland, Estland, Lettland, Schweden, Polen, Österreich, Türkei, Spanien, Großbritannien, USA und Norwegen exportiert werden.
Wir setzten unsere Reise nordwärts zum Werk in Ylamylly fort. Ein Blick auf die Karte zeigt die Stadt Nokia, deren Namen die berühmteste finnische Marke trägt. Übrigens war Nokia vor der Umstellung auf Telekommunikation ein Papier- und Reifenhersteller. Die Firma stand vor 20 Jahren vor dem Bankrott und bot ihrem Konkurrenten Ericsson die Übernahme an. Doch Ericsson war nicht interessiert. Ein großer Fehler, wie man heute weiß.
Wir passierten einen gefrorenen See, auf dem einsame Eisangler in der kalten, klaren Luft reglos zu verharren schienen. Ab und an kamen Langläufer mit rhythmischem Stockeinsatz aus einem Waldweg hervor gesprintet. Als wir dann am Kotka-Hafen an der Südostküste ausstiegen, konnten wir die betäubende Kälte spüren. Bei diesen extremen Temperaturunterschieden (im Sommer kann das Quecksilber auf über 30 °C klettern und im Winter dann auf -30 °C fallen) müssen beim Bau von Straßen und Häusern in Skandinavien viele Faktoren berücksichtigt werden. Wasserleitungen müssen z. B. tiefer als 2 m im Grund verlegt werden, um Einfrieren zu verhindern. Straßen benötigen Isolierungsschichten, damit die Oberfläche nicht einfriert und aufbricht. Häuser und Wohnungen werden viel stärker isoliert, und Fenster sind oft drei- oder vierfach verglast.
Auch die Verlademaschinen müssen den extremen Temperaturen angepasst werden. Die zwei Mantsinen 100 Raupenkräne (basierend auf dem Hitachi Zaxis 800), die hier im Hafen im Einsatz sind, weisen spezielle Heizungen für Hydrauliköltank, Motoröl, Kühlsystem und Kabine auf, die vom Hafenstromnetz gespeist werden. Diese Heizungen sind alle zentralisiert, weshalb der Kranführer nur eine Stromversorgung anschließen muss.
Die 100er dienen mit einer speziellen Arbeitsausrüstung zur Entladung von Holz. Die Kabinen weisen Bodenfenster auf, um eine bessere Sicht zu gewähren. Der Arbeitsbereich beträgt etwa 50 Meter, ohne dass die Maschine verfahren werden muss. Es sind relativ große Maschinen, doch neben einem traditionellen Hafenkran wirken sie dennoch wie Zwerge. Aber sie sind viel effizienter.
Während die großen Kräne Ladung bis 26 m hoch heben können, kann der viel kleinere Hitachi-Abkömmling das gleiche Gewicht (bis zu 13 Tonnen) auf etwa 24 m anheben. Obendrein ist er viel präziser, bietet kürzere Zykluszeiten und kann Ladung genau an der vorgesehenen Stelle ablegen, ob nun am Hafenkai oder im Laderaum eines Schiffes. Dadurch werden Arbeitskräfte eingespart. Dank des großen Kabinenhub- und verschubs kann sich der Baggerführer für jeden Job in die optimale Position liften. So kann er sich bis auf 13 m über den Grund heben und beinahe 10 m horizontal verfahren. Die Maschine selbst hat eine Reichweite von 34 m (größtes Modell, Mantsinen 160).
Neben den kürzeren Zykluszeiten und dem geringeren Personalaufwand für das Löschen und Verladen bietet er einen weiteren Vorteil: automatisches Greifen und Freigeben von Lasten im Laderaum und am Kai, wodurch weniger Schäden an der Ladung entstehen. Mantsinen verwendet eine große Palette von Arbeitsgeräten wie Zweischalengreifer, Schrottgreifer, Hubmagnet, Rundholzzangen, Papiertrommelzangen, Ballenzangen und Holzgreifer.
Für den Bau einer Maschine benötigt Mantsinen insgesamt etwa drei Monate. Die fertigen Maschinen werden zur Auslieferung per Spezialtransporter nur in drei Komponenten zerlegt (Ausleger, Unterwagen und Grundmaschine). Übrigens trafen wir eine dieser Maschinen auf unserem Weg zum letzten Stopp des Tages, einem Rundholz-Verladeterminal an der russischen Grenze. Ein Blinklicht und die Warnung "Leveä Erikois Kuljetus" verwiesen auf einen überbreiten Schwertransport. Wir fuhren an den Straßenrand, um das 60-t-Ungetüm vorbei zu lassen.
Am Pelkola-Terminal waren wir von riesigen Rundholzstapeln umgeben. Das Holz kommt aus den russischen Wäldern in geschlossenen Eisenbahnwaggons. Holz ist in Russland günstiger und die neueste Lieferung von Birkenholz war für die Papierherstellung bestimmt. Die Stämme sind in Russland mit Traktoren, Forstmaschinen, Seilen, Kranen und sogar von Hand verladen worden.
Vier 60-Tonnen-Maschinen waren in Betrieb. Zwei davon waren direkt über den Waggons positioniert, was zum Umladen der Stämme zwischen den Waggons am effizientesten ist. Der Maschinenführer hat dadurch optimale Sicht und kann daher schneller arbeiten. Die Rundholzzangen sind genau auf die Waggonabmessungen ausgelegt, so wie überhaupt der gesamte Arbeitsablauf höchste Präzision erfordert. Auf russischer Seite werden die Stämme mit Stahlseilen gebündelt. Diese Seile wurden zwar schon von den finnischen Arbeitern durchtrennt, mussten aber erst noch herausgezogen und entfernt werden, bevor die Stämme umgeladen werden konnten. Dies war jedoch kein Problem: Dank der präzisen Steuerbarkeit der Maschine hätte der Fahrer damit notfalls auch Schnürsenkel lösen können.
Die vier Maschinen zusammen im Betrieb zu sehen war ein eindrucksvolles Erlebnis. Daher verließen wir den Platz nur widerwillig, als die Dämmerung hereinbrach. Aber wir hatten den Betrieb schon lange genug aufgehalten. Bei der Werksbesichtigung am nächsten Tag konnten wir die Belegschaft in der Montage beim Schneiden, Schweißen, Bohren, Verschrauben, Lackieren und Schleifen der nächsten Maschinen beobachten.
In Veli Mantsinens Büro, weit weg vom Krach und Staub der Produktion, befindet sich übrigens noch ein alter Holzhaken. Der erinnert ihn daran, wie alles angefangen hat vor 50 Jahren.
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