Suche durch Google

Projektberichte

Zeit für einen Wechsel

01 Mai, 2009

Richtungswechsel sind für jedes Unternehmen eine Herausforderung, doch die Renaturierung eines Steinbruchs wäre für die meisten zuviel. Genau das jedoch hat die schweizer Firma Carrières du Lessus vor 15 Jahren dank der Vision ihres Eigentümers geschafft. Wir forschten nach, wie ein Mann das Schicksal nicht nur seines eigenen Unternehmens sondern einer ganzen Branche beeinflusst hat

Die Schweiz ist zweifellos eines der schönsten Länder Europas und die Straße von Genf nach Montreux ist spektakulär. Montreux liegt am Nordostufer des Genfer Sees am Fuße der Alpen im Kanton Waadt. Bekannt ist die Stadt vor allem durch ihr Jazzfestival und die enge Verbindung zu Heavy-Metal- und Rock-Legenden wie Led Zeppelin, Deep Purple und Queen.

Daher scheint es passend, dass nur 20 km entfernt von einem so inspirierenden Ort der Musik ein Steinbruch liegt, der Carrières du Lessus gehört. Dank der unternehmerischen Fähigkeiten seines Eigentümers Luc Briquet, kreiert das Unternehmen heute Hard Rock und Heavy Metal seiner ganz eigenen Art.

Der Steinbruch nahe dem Örtchen St. Triphon ist in dritter Generation im Besitz der Familie Briquet. 1930 von Luc Briquets Großvater angelegt, war er eine Kalksteinquelle von unschätzbarem Wert für den Bau von Straßen und Gebäuden. 1994 war es damit jedoch vorbei, denn die Behörden untersagten den weiteren Abbau des Kalksteins.

Luc Briquet hat ein einnehmendes Wesen und viel Sinn für Humor. Seine Begeisterung für den Ort ist unübersehbar und er ist stolz auf seine historische Bedeutung für seine Familie. Diese Leidenschaft erstreckt sich weit über die Bilanzen hinaus bis in das Blut, den Schweiß und die Tränen, die im Steinbruch vergossen wurden.

Er hat das alte Büro am Haupteingang zum Gelände stehen lassen. Es wird nun von einer örtlichen Bildhauerin genutzt, die hier ihr kleines Geschäft betreibt, und dient als Erinnerung an all die Menschen, die dort in der Vergangenheit gearbeitet haben.

“Ich musste unsere Geschäftsstrategie überdenken, als man mir mitteilte, dass der Steinbruch geschlossen wird”, erklärt er. “Ich musste einen anderen Weg finden, um die Familiengeschichte weiterzuschreiben und mich nach einer neuen Nutzung umsehen.”

Carrières du Lessus war verpflichtet, den Steinbruch wieder zu füllen und der Landschaft wieder ihre natürliche Schönheit zurück zu geben. Das Unternehmen erhielt die Genehmigung, dort normales Baumaterial wie z. B. Steine, Ziegel und Beton zu entsorgen. Doch Luc Briquet hatte auch die Idee, Abfallmaterial zum Verfüllen zu nutzen.

In der Schweiz müssen sämtliche brennbaren, nicht recycelten Abfälle verbrannt werden. Dies wurde 2000 gesetzlich festgeschrieben und innerhalb von vier Jahren wuchsen die Verbrennungskapazitäten auf 3,29 Millionen Tonnen.

Eine dieser Anlagen liegt direkt vor Briquets Tür. 1993 beantragte er die Genehmigung zur Weiterverarbeitung der Verbrennungsabfälle. Diese wurde nach drei Jahren erteilt und er konnte mit der Umstellung zum Recycling- und Abfallentsorgungsunternehmen beginnen.

Carrières du Lessus beschäftigte zuvor bis zu 16 Mitarbeiter. Heute arbeiten acht Mann im Werk und zwei Vollzeit- und eine Teilzeitkraft im Werksbüro. Negative Auswirkungen auf die Umsätze hatte dies aber nicht – sie stiegen in den vergangenen 15 Jahren um 500 Prozent!

Briquet führt diese erstaunliche Entwicklung auf den Kauf größerer und besserer Baumaschinen zurück. “Jeder arbeitet hart”, erklärt er. “Wir könnten mehr Mitarbeiter beschäftigen, aber es ist besser, weniger Leute zu haben. Wir haben in größere Bagger und Radlader investiert, mit denen ein Mann dieselbe Arbeit schafft wie zwei mit kleineren Maschinen.”

Zurzeit liegt das Verhältnis von Abfallmanagement- und Recyclingumsätzen bei 70:30. So ist aus Briquets Idee seit der Jahrtausendwende das Hauptgeschäft des Unternehmens geworden. Eine wichtige Einnahmequelle ist die Rückgewinnung von Eisen- und anderen Metallteilen verschiedenster Größe, die den Verbrennungsprozess überleben und in der Asche zurückbleiben.

“Das Entscheidende beim Abfallgeschäft ist, dass wir nicht alles wegwerfen”, verrät Briquet. “Wir holen das Eisen, Kupfer und Aluminium heraus und verkaufen es an unsere Kunden in Frankreich.

“In einem Werk in der Nähe von Paris werden die Aluminium- und Kupferteile in Barren gegossen, die dann in Amerika z. B. in der Fahrzeugfertigung bei Toyota zum Einsatz kommen. Das Eisen geht nach Nordfrankreich, wo daraus Träger für Offshore-Bauten gefertigt werden.”

Carrières du Lessus hat einen Exklusivvertrag mit der örtlichen Verbrennungsanlage. Sämtliche verbrannten Abfälle kommen entweder per Bahn oder LKW direkt zum Werk und trocknen dort zwei oder drei Wochen. Die Asche wird von einem Hitachi-Bagger ZX470LCH-3 in einen Brecher geladen und durchläuft dann ein elektromagnetisches Feld, das größere Eisenteile extrahiert.

Die nächste Stufe des Prozesses trennt kleinere und größere Materialien, so dass zwei weitere magnetische Vorrichtungen sämtliches Aluminium, Kupfer und sonstige Metall entfernen können. Die übrigen Abfälle fallen am Ende der beiden Fließbänder auf große Haufen, bevor sie in den ehemaligen Steinbruch gekippt werden.

Einer der Hügel ist bereits wiederhergestellt und zeigt sich in alter Pracht. Zwei weitere Flächen müssen noch verfüllt werden. Die Abfälle liegen auf wasserdichtem Material, damit nichts in den Untergrund dringen kann. Rohre, die überall verlegt sind und als Drainage fungieren, entziehen dem Abfall Feuchtigkeit und leiten sie hinunter zum Genfer See. Das Wasser wird auf Schadstoffe untersucht, doch in zehn Jahren wurde nichts gefunden.

“Die Gefahr einer Verschmutzung ist der Hauptgrund dafür, dass wir nur Material annehmen, das bei hohen Temperaturen verbrannt wurde”, so Briquet. “Wir transportieren jährlich 40.000 bis 50.000 Tonnen Abfall, aber es wäre schwer zu messen, wie viel Eisen und andere Metalle wir herausziehen. Das würde täglich variieren und ist eigentlich reine Glückssache!

“Wir können noch mal 15 Jahre so weiterarbeiten, die Zeitspanne hängt aber von vielen Faktoren ab. Wir führen momentan einige Tests durch, um herauszufinden, ob wir den Abfall noch anders nutzen können. In der Schweiz gibt es bestimmte Einschränkungen, in Frankreich und Spanien ist das anders. Wir müssen daher sehen, was möglich ist.

“Andere Verbrennungsanlagen versuchen, unsere Idee zu kopieren, sind aber bislang nicht so erfolgreich wie wir. Ich bin darüber nicht froh, aber was soll man machen? Wenn etwas neu ist, werden sie immer versuchen, dich zu kopieren – wie Kinder. Ich bin nicht an Preisen oder großen Anerkennungen interessiert. Ich arbeite lieber im Verborgenen!”

Das Material für das Recyclinggeschäft wird von der regionalen Eisenbahngesellschaft mit der werkseigenen Lokomotive transportiert. Aus den Waggons werden die Steine auf einen Ladeplatz gekippt und der Transportbagger, ein Hitachi ZX180W – der erste seiner Art in der Schweiz – lädt die größeren Felsen ab.

Mit den Hitachi-Radladern ZW250 und ZW310 werden die Steine dann innerhalb des Werks dem Recyclingprozess zugeführt. Einige Felsen müssen zerbrochen werden, bevor die einzelnen Materialien nach Größe sortiert, gewaschen und weitertransportiert werden, um dann bei Entwässerungs-, Straßen- und Eisenbahnprojekten Verwendung zu finden.

Briquet ist auch stolz auf das, was man in diesem Geschäftszweig erreicht hat: “Wir sind nach ISO14001 zertifiziert, das ist gut für unser Image und eine Art Garantie, dass alles legal abläuft. Zudem sorgen Gesetze dafür, dass in der Schweiz so oft wie möglich recycelte Steine eingesetzt werden.”

Das dynamische, in Schwarz und Grün gehaltene Logo von Carrières du Lessus zeigt, wie traurig die Steine und Abfälle zunächst sind, wenn sie ankommen. Nach dem Recycling- bzw. Extraktionsprozess sind sie wieder glücklich.

Briquet weist darauf hin, dass der Erfolg des Unternehmens nicht möglich wäre ohne die Unterstützung von Partnern wie Probst Maveg, dem Vertriebshändler von Hitachi Construction Machinery in der Schweiz.

“Unser Verhältnis zu Hitachi ist von Baggern geprägt”, schmunzelt er. “Unser erstes Modell, das wir 1988 gekauft haben, war ein gebrauchter 45-Tonnen-UH171. Dann kauften wir einen neuen EX330, der auch sehr gut war, daher bestand kein Grund zu wechseln. Weitere Maschinen in unserem Fuhrpark waren ein EX165 und ein EX17.

“Mittlerweile haben wir alle verkauft und durch die neue Zaxis-Bagger-Generation ersetzt. In der Regel ersetzen wir die Maschinen nach 3.000 bis 4.000 Stunden. Die Technik entwickelt sich alle drei bis vier Jahre weiter und wir wollen alle neuen, modernen Funktionen nutzen. Außerdem erhöht das natürlich den Wiederverkaufswert.

“Die Qualität der Zaxis-Reihe ist sehr gut. Sie sind gut verarbeitet, zuverlässig und bieten Komfort für unsere Fahrer. Ich bin sehr zufrieden mit dem Service, den wir von Geschäftsführer Jean-Marc Probst, Vertriebsleiter Gaston Monney und dem übrigen Team von Probst Maveg erhalten. Wir haben eine starke Beziehung, die auf einer langjährigen Freundschaft und Geschäftsverbindung basiert.

“Es ist insgesamt eine überzeugende Kombination. Ich habe selbst gesehen, wie diszipliniert und gut organisiert im Hitachi-Werk in Japan gearbeitet wird, und das ist einer der Gründe, warum Hitachi so eine starke Marke ist.”

Was hält die Zukunft angesichts der begrenzten Zeitspanne für das gegenwärtige Geschäft von Carrières du Lessus für das Familienunternehmen bereit? Als Spezialfirma muss man das Geschäft vielleicht ausdehnen, bevor man den nächsten Schritt macht. Das ist jedenfalls Briquets Ansicht.

“Wir müssen neue Wege im Recycling finden und es gibt noch etliche Möglichkeiten”, erklärt er. “Wenn nicht in der Schweiz, dann im Ausland. Vielleicht ist es eine gute Idee, unser Know-how auch in anderen Ländern umzusetzen, mitunter sogar auf Beraterbasis.

“Was immer passiert – das Geheimnis unseres Erfolgs ist harte Arbeit! Mein Großvater war Unternehmer und ich bin ihm sehr ähnlich. Er kam aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz und siedelte in den französischsprachigen über, was damals ungewöhnlich war. Er sprach nicht einmal Französisch!

“Ich ziehe es vor, alleine, unabhängig und individuell zu arbeiten. Ich übernehme gerne Verantwortung und bin ein Macher. Ich habe sicher viele Ideen, aber nur wenige sind gut. Ich probiere viel aus, weil ich neugierig bin und Lösungen finden will. Diese Gabe haben wohl nicht viele Menschen.”

Briquets Charakterstärke und Weitblick waren zweifellos die treibenden Kräfte hinter Carrières du Lessus. Diese kleine, aber äußerst erfolgreiche Firma hebt sich in der Region durch Innovation deutlich ab. In der jetzigen Umwelt- und Wirtschaftssituation, wo die Bau- und andere Branchen zukunftsorientiert arbeiten müssen, verdient ein solches Geschäftsmodell einfach Applaus.

Um PDF-Dateien lesen zu können, muss Adobe Readeropen new window auf Ihrem PC installiert sein.

Zum Seitenanfang